Andacht zum 10. Sonntag nach Trinitatis am 16. August 2020

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Mitwirkende

  • Glockengeläut: M. Schüssler
  • Orgel: Tobias Berndt
  • Liturgie und Predigt: Pfarrer Thomas Jabs
  • Redaktion und technische Bearbeitung: Joachim Hübener

Glockengeläut

Orgelvorspiel

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Präludium und Fuge g-Moll, BWV 558

Votum

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Psalm 122

Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!
2 Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.
3 Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll,
4 wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des HERRN, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des HERRN.
5 Denn dort stehen Throne zum Gericht, die Throne des Hauses David.
6 Wünschet Jerusalem Frieden! Es möge wohlgehen denen, die dich lieben!
7 Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!
8 Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.
9 Um des Hauses des HERRN willen, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.

Predigttext: Röm 11,25-32

25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Glaubensbekenntnis

Orgelmusik

Louis James Alfred Lefébure-Wély (1817-1869)
Andante B-Dur

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde!
Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist seit den Zeiten der Alten Kirche Israelsonntag. Er verdankt dieses Thema seiner zeitlichen Nähe zu einem wichtigen Tag im jüdischen Kalender, Tischa be Aw: am 9. Tag des Monats Aw (das war in diesem Jahr am 30. Juli) gedenkt Israel der Zerstörung des ersten Tempels durch die Babylonier im Jahre 586 vor und der des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. Und auch noch eine dritte Katastrophe in der jüdischen Geschichte ist mit dem 9. Aw verbunden: die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492. An diesem Tag wird gefastet und das Buch Klagelieder in den Synagogen verlesen. Das jüdische Volk gedenkt nicht nur der Tempelzerstörungen, sondern der vielen Verfolgungen und Pogrome seiner Geschichte.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis aber war viele Jahrhunderte lang nicht ein Tag, an dem die Christenheit solidarisch mit dem trauernden Israel mitgetrauert und mitgeklagt hätte. Sie hörten die Geschichte einerseits als Warnung: so geht es Menschen, auf die Gott zornig ist. Andererseits als Bestätigung: Der Verlust von Staat und Land und Tempel schien zu beweisen, dass Gott sein Volk verstoßen und durch ein anderes Volk ersetzt habe, den alten Bund gekündigt zugunsten eines neuen Bundes.

Erst nach 1945 begann der Charakter des Israelsonntags sich zu ändern. Zum einen waren Christen zutiefst erschrocken über den Holocaust. Zum anderen zeigte die Gründung des Staates Israel 1948, dass von einem Ende Israels keine Rede sein konnte. Der Verlust von Staat und Land waren nun kein theologisches Argument mehr. Schon während des Kirchenkampfs in der Nazizeit hatten einige Christen die Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefs neu entdeckt, in denen Paulus die Christen aus den Völkern schon früh gegen jede Selbstüberhebung gegenüber Israel gewarnt und ausdrücklich bestritten hatte, dass Gott sein Volk verstoßen habe. Und nun stellte sich immer mehr heraus, dass es sich bei diesem Abchnitt nicht um einen mehr oder weniger zufällig hineingekommenen Exkurs handelte, sondern um die inhaltliche Mitte dieses langen und gerade für evangelische Christen so wichtigen Briefs. Es ist uns gut, dass wir heute erneut bei Paulus in die Schule gehen, denn wir leben in Zeiten, in denen es wieder üblich zu werden droht, antijüdisch zu reden und zu handeln, in denen Juden in aller Welt, auch in unserem Land in Angst leben und in denen wir Christen gefragt sind, ob wir zu unserer Bindung an Israel stehen oder uns ihrer schämen und sie verleugnen und sagen: Ich kenne den Menschen nicht.

Zu Beginn dieses Abschnitts hatte Paulus betont, dass auch die Juden, die nicht Christen geworden sind, ihre große Mehrheit also, immer noch Israel sind und was das bedeutet: Ihnen gehört die Sohnschaft – Israel ist kollektiv Sohn Gottes – und die Herrlichkeit, der Glanz der Gegenwart Gottes; ihrer sind die Bundesschlüsse, die nicht gekündigt wurden, und die Gabe der Tora, der Gottesdienst und die Verheißungen. Ihrer sind die Väter und aus ihnen stammt der Christus seiner leiblichen Abstammung nach. Die Schlusszusammenfassung dieser Kapitel 9 bis 11 ist heute Predigttext.

Paulus will uns einweihen, uns ein Geheimnis öffnen. Ein Geheimnis ist es mit Israel, geheimnisvoll die besondere Geschichte Gottes mit diesem besonderen Volk. Geheimnisvoll – nicht offenkundig, sonnenklar. Damit wir nicht unkundig, nicht Ignoranten bleiben, bedürfen wir der Einweihung, der Öffnung unserer Augen.

Paulus ist sehr bemüht um diese Öffnung, er nennt seinen Beruf als Sendbote Gottes auch Haushalter der Geheimnisse Gottes, er setzt alles daran, uns unsere Ignoranz zu nehmen, uns kundig zu machen – damit wir nicht uns begnügen mit unserem eigenen Verstand, uns allein mit uns verständigen, uns selbst einen Reim machen auf diese Geschichte mit ihren Ungereimtheiten, uns selbst für verständig halten, ohne irgendwas verstanden zu haben. Denn das befürchtet Paulus bei uns Christen aus den Völkern leider nicht zu Unrecht: ein Verstand, der nichts versteht, weil er das Geheimnis Israels ignoriert, die geheime Mitte der Weltgeschichte; eine eigenständige, selbständige Vernunft, in der für Israel kein Platz ist, die sich von dieser geheimnisvollen Wirklichkeit nicht irritieren, nicht stören und so auch nichts sagen lässt.

Paulus hält eine Vernunft, die Israel ignoriert, für zwanghaft und eingezwängt.

Zuerst wurde Israel logisch und theologisch abgeschafft, doch dann kam der Versuch, es auch physisch aus der Welt zu schaffen. Angesichts dieser allgemeinen Vernunft, die für Israel keinen Platz lässt, möchte Paulus unseren Sinn für die besondere Beziehung Gottes zu Israel wecken, uns einweihen in das Geheimnis dieser Beziehung.

Vielen Christen aus den Völkern war und ist es ein Stein des Anstoßes, dass Israel in seiner großen Mehrheit Nein sagt zu dem Bekenntnis der Christen, Jesus sei der Messias. Es ist ja immer irritierend, ärgerlich, anfechtend, wenn es Menschen gibt, die meinen Weg ablehnen, das mir Allerwichtigste zurückweisen, einen ganz anderen Weg einschlagen – wie es ja auch umgekehrt mich in meinem Weg bestätigt, wenn er auch anderen einleuchtet, sich auch andere ihm anschließen. Aber nun sind es ja nicht irgendwelche Atheisten, die von diesem besonderen Gott der Bibel ohnehin keine Ahnung haben, die das Bekenntnis der Christen ablehnen. Ausgerechnet Israel, die Kinder Abrahams, Isaaks, Jakobs, das Volk Gottes sagt Nein. Viele Christen haben diese Irritation, diese Anfechtung ihres Weges nicht ausgehalten. Sie haben mit zwingender Logik aus dem Nein Israels zu Jesus auf ein Nein Gottes zu Israel geschlossen. Die besondere Beziehung Gottes zu diesem besonderen Volk habe mit dem Kommen Jesu ihr Ziel, aber auch ihr Ende erreicht. Aber diese Logik lehnt Paulus ab. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, seine Gnadengaben, seine Berufung können ihn nicht gereuen, schreibt er wenige Verse vor unserem Text – ein Paulussatz, der sich nicht durchgesetzt hat.

Stattdessen erkennt er im Nein Israels einen ganz einzigartigen Rang, einen großen Wert, eine eigene Würde: Gott selbst hat Israel hart gemacht, hartnäckig, hat ihm den Rücken gesteift gegen das Evangelium. So hatte es Gott einst seinen Propheten Hesekiel und Jeremia zugesagt: Ich mache deine Stirn wie Diamant, härter als Kiesel. Ich mache dich zur Festung, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer: sie werden gegen dich kämpfen, aber dich nicht überwältigen, denn ich bin mit dir, dich zu erretten.

Doch wozu diese seltsame Abhärtung? Paulus antwortet, nicht zuletzt im Blick auf sein eigenes Lebenswerk: so kommt das Evangelium unter die Völker, so kommen die Völker hinein in den Bund Gottes mit Israel. Wer ein Christ, eine Christin wird, sich taufen lässt, wird Teilnehmer dieser Bundesgeschichte, die lange vor Christi Geburt begann. Das Nein Israels geschah und geschieht also euch zugute. Im Blick aufs Evangelium sind sie zwar Feinde – aber um euretwillen. Es ist gut für euch, dass Gott sein Volk Israel gegen euch aufrechterhält. Israel demonstriert mit seinem Nein die Freiheit Gottes, auch außerhalb der Kirche, auch gegen sie zu agieren.

Es demonstriert für die Zukunft Gottes, indem es sie offen hält.

Paulus orientiert sich an einer biblischen Logik, die wir aus der Geschichte von Josef und seinen Brüdern kennen. Als die Brüder da ziemlich kleinlaut, ängstlich Josef wieder unter die Augen treten, sagt er ihnen: ihr hattet Böses geplant, als ihr mich verraten und verkauft habt unter die Völker, aber Gott hat es umgeplant zum Guten, mein Exil genutzt, um euer Überleben zu organisieren. So auch Jesus: Seine Überlieferung in die Hände der Völker nutzt Gott, um unter den Völkern Bundesgenossen zu suchen für seinen Bund mit Israel. Und so wird ganz Israel gerettet, befreit werden von Angst und Hass und Bedrückung. »Ob Jesus der Messias ist – das hängt von euch ab«, hat ein Jude den Christen auf einem Evangelischen Kirchentag gesagt: Von eurem Leben und Handeln hängt ab, ob die Jesus-Geschichte, die Wirkung des Evangeliums unter den Völkern Israel zugutekommt, Rettung und Befreiung bewirkt: damit auch sie jetzt Erbarmen erfahren. Wenn das Evangelium von Jesus Christus uns Christen zu treuen und verlässlichen Verbündeten Israels macht und so dazu beiträgt, dass Israel inmitten der Völker ohne Angst leben kann, dann wirkt Jesus als Messias, als Befreier Israels. Israel ist hier als das Volk Gottes in vielen Staaten verstanden nicht als Staat Israel. Wenn wir Evangelium aber antijüdisch lesen und auslegen, was Christen Jahrhunderte lang getan haben, dann mag Jesus alles Mögliche sein, aber nicht der Christus, nicht der Messias Israels.

Die Rettung, die Befreiung ganz Israels stellt sich Paulus also nicht als Eingehen, Aufgehen Israels in der Kirche vor, sondern, im Gegenteil: als Hineingehen der Fülle der Völker in den Bund Gottes mit Israel. Die Beziehung zu Israel ist entscheidend, ist Kriterium für unsere Gottesbeziehung. So hatte es Gott schon Abraham verheißen: Segnen will ich, die dich segnen, und die dich fluchen, fluche ich. Und so sollen in dir gesegnet sein alle Völker.

Paulus hat uns eingeweiht in die Geheimnisse Gottes, damit wir uns nicht selbst für klug halten. Und so schließt er nicht mit Stolz auf seine Klugheit, seinen Verstand, dieses Geheimnis entschlüsselt, dieses Rätsel gelöst zu haben, sondern mit einem Lobpreis der Klugheit Gottes. Im Geheimnis der Geschichte Israels sieht er ein Meisterstück der Weisheit Gottes: Röm 11,33-36

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Abkündigungen

Gebet

HERR, Gott Israels und durch Jesus Christus auch unser Gott, wir danken dir für dein Wort, danken dir auch für Israel als Zeichen deiner Treue mitten unter uns.
Vergib Deiner Kirche, dass wir so oft taub waren für dein Wort und blind für Israels Licht, und  was unsere Blindheit und Taubheit zur Folge hatte.
Wir bitten dich für dein Volk Israel in seinem Land und in allen Ländern, dass es Wege des Friedens findet mit seinen Nachbarn und Ruhe vor allen seinen Hassern, dass es ohne Angst dir diene.
Wir bitten dich für uns, deine Kirche, Befreie uns von allem Judenhass in Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten; mach uns zu treuen, zu verlässlichen Bundesgenossen deines Volkes.
Stärke uns zu widerstehen, wenn Menschen es verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben; lehre uns, es zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden und alles zum Besten zu kehren.
Öffne unsere Augen für die Wunder an deiner Tora und wehre allen Irrlehren in Universitäten und Gemeinden zu Gesetz und Evangelium, Freiheit und Zwang, Geist und Buchstabe, Werkgerechtigkeit und Gesetzlichkeit, Altem und Neuem Testament. Segne alles gemeinsame Hören und Lernen, Arbeiten, Kämpfen und Feiern von Christen und Juden.
Wir bitten dich für alle Regierenden in unserem Land und in allen Ländern, alle Mitredenden, Mitberatenden, Mitentscheidenden: mach sie fähig und bereit, für Recht und Frieden zu sorgen.
Wir bitten dich für alle im Finstern, im Schatten des Todes – die Kranken an Leib und Seele, die Verbitterten und Grollenden, die Verkrümmten, die Gefangenen, die Flüchtlinge hier und in aller Welt, die Wohnungslosen und Armen, Menschen, die an ihrer Einsamkeit oder an verrannten, verbiesterten, verstummten Beziehungen leiden: öffne die Augen ihres Herzens für das Licht, das in Jesus Christus für Israel und für alle Völker, für alle Menschen leuchtet; sende ihnen Menschen, die fähig sind zu trösten mit dem Trost, mit dem sie selbst von Christus getröstet werden. Mit seinen Worten beten wir:

Vaterunser

Vater unser im Himmel! Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen

Orgel

J.S.Bach
Präludium und Fuge C-Dur, BWV 553


Kollekte

16. August 2020 – 10. Sonntag nach Trinitatis

Bitte beachten Sie gesonderte Information dazu auf unserer Webseite.

 

Autor: 

Pfarrer Thomas Jabs

Datum: 
Sonntag, 16. August 2020