Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis am 28. Juni 2020

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Mitwirkende

  • Glockengeläut: Matthias Schüssler
  • Orgel: Tobias Berndt
  • Liturgie und Predigt: Prädikant Holger Brose
  • Redaktion und technische Bearbeitung: Joachim Hübener

Glockengeläut

Musik zum Eingang

J.S. Bach (1685-1750)
Präludium und Fuge in F-Dur, BWV 556

Liturgischer Gruß

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, Der Himmel und Erde gemacht hat. Amen.

Biblisches Votum: Lk 1910

Das biblische Votum, der Spruch für die heute beginnende Woche steht im 19. Kapitel des Lukasevangeliums: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Psalm: Ps 1031f.5f.10-13.22

Hört auf den Psalm für diesen Sonntag. Ich lese aus Psalm 103 nach der Übersetzung Martin Luthers:

1 Lobe den HERRn, meine Seele, und was in mir, seinen heiligen Namen!
2 Lobe den HERRn, meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat:
5 der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.
6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.
10 ER handelt nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat.
11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt ER seine Gnade walten ...
12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt ER unsere Übertretungen von uns sein.
13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR ...
22 Lobet den HERRn, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRn, meine Seele!

Gloria Patri

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Tagesgebet

Lasst uns beten:
Gott, du freust dich über das Verlorene, das du wiederfindest. Wir lassen uns anstecken von deiner Freude, wir lassen uns einladen zu deinem Fest, hier schon und in Ewigkeit. Amen.

AT-Lesung: Mi 718-20 GNB

Die Lesung für diesen Gottesdienst steht im Buch des Propheten Micha ganz zum Schluss. Ich lese die Übersetzung der Guten Nachricht:

18 Herr, wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Denen, die von deinem Volk übriggeblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfelungen hinweg. Du hältst nicht für immer an deinem Zorn fest; denn Güte und Liebe zu erweisen, macht dir Freude.
19 Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen, du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist.
20 Den Nachkommen Abrahams und Jakobs wirst du mit Liebe und Treue begegnen, wie du es einst unseren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hast.

Hallelujavers: Ps 1038

Halleluja! Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Halleluja!

Predigt-Gebet

Guter Gott! Wir danken dir, dass wir miteinander Gottesdienst feiern können. Wir bitten dich: Nimm aus unseren Gedanken weg, was uns ablenkt. Lass uns ein offenes Ohr haben für das, was du uns sagen willst. Amen.

Musik

J.S.Bach
„Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“, BWV 639

Evangelium: Lk 151ff.11b-32

Predigt

Das Evangelium für den heutigen Sonntag steht bei Lukas im 15. Kapitel 1. Sie hören eine etwas ausgeschmückte Nacherzählung. Vorausgegangen war die verärgerte Bemerkung eines Schriftgelehrten über das Verhalten Jesu, das wie der Schriftgelehrte meinte, falsch sei. Jesus antwortete mit einer Geschichte. Jesus wollte den Menschen sagen, wie Gott ist: Vor Gott muss ich keine Angst haben, wollte Jesus uns sagen. Mit Gott kann ich rechnen, wollte Jesus mir versichern. Gott ist da und wartet auf mich, wollte Jesus mir sagen und dir und allen Menschen.

Es gibt Felder, die voller Steine sind; hier kann sich ein Bauer mühen und mühen - es wird nicht viel tragen. Und es gibt Felder, wie zum Beispiel im Oderbruch, dunkle, fruchtbare Erde - was hier gepflanzt wird, gedeiht. Es gibt Bauern. Manche gehen jeden Tag missmutig ihrer Arbeit nach und denken an den großen Reichtum, den sie dann doch nie haben werden. Diese Bauern hassen ihren Job und sind stets unzufrieden. Mancher steht jeden Morgen früh auf und freut sich an der Sonne, am Regen, diese rufen fröhlich ihre Tiere und füttern sie. Sie gehen über die Felder und erfreuen sich an dem, was wächst und gedeiht. Diese Bauern lieben ihren Beruf und sind ausgeglichen und freundlich zu jedermann.

So einen Bauern beschreibt uns Jesus. Dieser zufriedene Bauer hatte gute Felder. Er hat in seinem langen Leben viel Geld verdient. Nun war er reich geworden. Was ihn aber am reichsten machte, waren seine beiden Söhne. Er war bei ihrer Geburt dabei, sah sie ihre ersten Schritte tapsen, ihr erstes Wort sprechen, sah sie groß werden, freute sich mit ihnen am ersten Flaum auf der Oberlippe, trauerte mit ihnen um den Tod ihrer Mutter, freute sich mit ihnen an ihrer ersten Verliebtheit. Er liebte sie. Alle beide. So doll bis du platt bist, hätte mein Sohn Marcus als Kind gesagt. Dabei waren sie so verschieden. Dem Älteren, nennen wir ihn Jäläd (dly), bereitete sein Leben als Bauer Freude. Der Jüngere, Ben (nb), mochte seinen Job nicht. Er wollte die Welt kennenlernen, wollte Spaß haben, wollte etwas erleben - was immer es sei. Jede Nacht träumte er von großen fremden Städten, von einem Schloss, von schönen Frauen und berauschenden Festen. Und wenn er dann aufwachte und sich im Haus umsah, war er dem Tag schon gram, bevor der richtig begonnen hatte.

Er wusste, dass sein Vater einiges Geld zurück gelegt hatte. Eines Tages sah er den Vater zufrieden auf der Bank vor dem Haus sitzen und auf die Felder schauen. Er ging zu seinem Vater hin, wagte kaum, ihn anzusehen und druckste: „Vater, ... Du weißt - äh - du weißt doch, dass ich hier nicht ... nicht glücklich bin.“ Langsam schaute der Vater an seinem Sohn hoch. Er sah seine noch etwas staksigen Waden, die dunkelgrüne Tunika, die an der schlanken Hüfte mit dem schönen roten Gürtel gerafft war. ,Mein Ben!', dachte er, ,Wie geschmackvoll er sich kleidet!' Dann schaute er ihm in sein bartloses, spitzes Gesicht mit den großen braunen Augen und den dunklen Locken. ,Wie hübsch!', dachte der Vater, ,Die Mädchen werden ihn mögen.' Er sagte zu Ben: „Komm, setz dich zu mir!“ Ben setzte sich auf den äußersten Rand der Bank und schaute auf seine nackten Füße. ,Wie fange ich es nur an?', dachte er. Der Vater legte Ben die Hand auf den Nacken und zog ihn zu sich heran. Ben sträubte sich. Der Vater dachte etwas wehmütig: ,Groß ist er geworden! Ach was hat er bei mir oft auf dem Schoß gesessen.' „Was wolltest du mir sagen, Ben? Du bist hier nicht glücklich?“ Er zeigte mit dem Arm in die Runde. „Schau all das fruchtbare Land hier gehört uns, Gott hat uns reiche Gnade erwiesen, es geht uns gut. Ich bin hier glücklich!“ Ben war der Armbewegung seines Vaters gefolgt, schaute dann aber wieder auf seine Füße. Leise, und ohne seinen Vater anzusehen, sagte er: „Vater ... bitte ... ich möchte die Welt kennenlernen, fremde Städte und Länder sehen ... und ...“ Der Vater nahm Bens Kinn in die Hand und hob seinen Kopf hoch: „Du willst reisen? Wohin möchtest du gehen?“ Viel fester antwortete Ben: „Vater! Ich will ganz weg hier! Ich will der Enge des Bauernhofes entfliehen! Ich will ...“ Traurig sagte der Vater: „Du willst mich verlassen?“ Ben antwortete schnell: „Nicht verlassen, Vater! Wenn ich in der Welt mein Glück gefunden habe und reich geworden bin, werde ich dich oft besuchen kommen und du wirst stolz auf mich sein!“ Und nach einer kleinen Pause: „Vater bitte zahle mir mein Erbteil aus, damit ich es in der Welt zu etwas bringen kann!“

Der Vater ließ Bens Kinn los, er legte seine Hand auf Bens Schenkel. „Dir und Jäläd gehört alles nach meinem Tod.“ Erschrocken sagte Ben: „Vater, ich wünsche mir doch nicht deinen Tod! Du sollst ewig leben! ... Ich will nur hier weg.“ Der Vater stand von der Bank auf: „Wann willst du reisen, Ben?“ „So schnell wie möglich, Vater!“ „Nun dann soll es wohl so sein.“, sagte der Vater und ging in den Stall.

Ben blieb alleine auf der Bank zurück und überlegte sich, wohin er wohl zuerst gehen würde. Der Vater sah den Knechten bei der Arbeit zu und konnte nicht recht froh werden an diesem Morgen. Sein kleiner, sein hübscher, sein lieber Ben will ihn verlassen! Dann ging er schweren Herzens zu Jäläd auf's Feld. Von Weitem sah Jäläd den Vater kommen. An der Art zu laufen erkannte Jäläd gleich, dass das ein schwerer Gang für den Vater war. Jäläd lief dem Vater entgegen und der Vater berichtete traurig, dass Ben vorhatte, wegzugehen. Jäläd war richtig erschrocken. Er konnte sich kaum vorstellen, woanders zu leben und nie, von sich aus weggehen zu wollen. Und er sah, wie das den Vater schmerzte. Alle Worte der Tröstung blieben ihm aber stecken, als er hörte, dass der Vater dem Bruder sein Erbteil auszahlen wollte. Da wurde er richtig zornig: „Aber Vater! Das kannst du doch nicht machen! Es ist natürlich dein Geld, aber wollten wir nicht die Felder von Joels Witwe kaufen, eine Mühle und eine Ölpresse bauen, damit wir unsere Erzeugnisse besser verkaufen können?“ Traurig antwortete der Vater: „So viel Geld, um Joels Felder kaufen zu können, werden wir behalten, aber die Mühle und die Ölpresse werden noch warten müssen. Weißt du, es ist vielleicht nicht so schön, wenn wir weniger Geld verdienen, als wir erwarteten, aber ich denke, es wäre für Ben richtig schlimm, wenn er jetzt nicht losziehen könnte, er würde uns hier verkümmern und seine Fröhlichkeit verlieren, er würde den Hof und vielleicht uns beide hassen.“ Der Vater seufzte: „Ich habe mich entschlossen, ihm das Geld zu geben und ihn ziehen zu lassen.“ Düster sagte Jäläd: „Was der wohl mit dem vielen Geld anfangen wird?“ „Wir sollten ihm schon zutrauen, dass er es gut macht. Vielleicht kann er sich ja irgendwo in ein Handelshaus einkaufen und dann mit den Handelsschiffen unterwegs sein?“, antwortete der Vater und ging zurück zum Haus, um das Geld für Ben herauszusuchen.

Ben konnte es kaum glauben, als ihm der Vater beim Abendbrot das ganze viele Geld auf den Tisch legte. Glückselig schaute er auf die vielen Goldstücke. Jäläd schaute auch darauf, aber eher grimmig. Der Vater sagte: „Ben! Hier ist dein Erbteil. Die Hälfte dessen, was die Gebäude, Tiere und Felder wert sind und der Anteil von dem Bargeld, das dir dann noch zusteht. Du siehst, es ist viel Gold, ein kleines Vermögen. Wir wollten uns eine Ölpresse und eine Mühle davon bauen - das geht nun nicht mehr. Möchtest du nicht doch hier bleiben und zum Beispiel die Bauarbeiten überwachen?“

Diese Frage hörte Ben kaum noch. Er sah das Gold und überlegte sich, welchen Weg er einschlagen würde: „Vater, morgen früh ziehe ich los! Ich weiß, dass es dir schwergefallen ist, mich auszuzahlen, aber ich denke, alles wird gut. Ich werde viel Geld dazu verdienen, denn ich habe von dir viele Talente geerbt und dann können wir die Ölpresse und die Mühle im Handumdrehen bezahlen, dazu vielleicht noch eine Töpferei und eine Gerberei und ein Schlachthaus. Und ich werde viele Kontakte mit Händlern in aller Welt knüpfen, sodass wir unsere Erzeugnisse immer dort verkaufen können, wo sie am Meisten einbringen. Morgen ziehe ich los nach Tiberias und dann vielleicht nach Cäsaräa.“ Schweigend schob der Vater das Gold zu Ben hin und der ließ es fröhlich in die Truhe klimpern, die auf dem Tisch stand.

Ben ging schon am nächsten Morgen fort von zu Hause. Der Vater setzte sich auf die Bank vor dem Haus und schaute Ben traurig nach. Tiberias war Bens Ziel. Tiberias war noch nicht weit. Hier waren er und seine Familie noch bekannt. Er übernachtete in einer Herberge und ließ sich ein gutes, reichhaltiges Mahl bereiten. Am nächsten Morgen kaufte er sich Pferd und Wagen und zog weiter nach Cäsaräa. Als er ankam, staunte er: „Das Meer - wie groß! Der Hafen und die vielen Schiffe - wie prächtig! Die Stadt - alles aus Stein, gepflasterte Straßen und das riesige Theater!“ Ben freute sich, hier angekommen zu sein. Er suchte sich die schönste Herberge der Stadt und ließ sich dort das beste Zimmer geben.

Am Abend saß er mit vielen netten Leuten zusammen und feierte. Alle waren sie sehr freundlich zu ihm. Es kamen immer mehr dazu. Was für ein rauschendes Fest! Man konnte hier in Cäsaräa wirklich viel mehr unternehmen als in dem kleinen Dorf zu Hause: es gab Feste, Theater, Bäder ...

Wirklich wunderbar! Genauso hatte Ben es immer geträumt. Gut, es kostete alles Geld. Viel Geld. Aber Ben hatte ja genug Geld von seinem Vater bekommen. Und Ben machte gute Geschäfte: er investierte in den Bau eines Schiffes, er finanzierte eine Handelskarawane nach Damaskus, er kaufte Teppiche aus Persien und Löwen aus Afrika. Ja, teuer war es hier in Cäsaräa, wirklich teuer! Aber bald würde er viel Geld mit seinen Geschäften verdienen. Weil es so lange nicht geregnet hatte, war es besonders teuer. Aber was machte das schon, dann trank er eben den Saft aus fernen Ländern und aß das Brot aus Ägypten.

Doch eines Tages fasste der junge Mann in seine Truhe und fand kein Geld mehr da drin! Aber auch das war nicht schlimm. Dann würden eben seine vielen Freunde diesmal bezahlen. Am Abend trafen sie sich zu einem schönen Essen. Er sagte, dass heute einmal jemand anderes bezahlen müsste, weil sein Geld ausgegangen wäre - da aber lernte er sie richtig kennen. Einer nach dem anderen ging weg, einer beschimpfte ihn sogar als Betrüger. Keiner blieb. Keiner wollte sein Freund sein. Was sollte er jetzt tun? Arbeiten.

Ja arbeiten. Er kümmerte sich also um seine Geschäfte. Die schönen Teppich aus Persien waren angekommen, aber keiner wollte seine Teppiche kaufen, weil doch jeder so viel Geld für Lebensmittel ausgeben musste, also verkaufte er sie schließlich für ganz ganz wenig Geld an einen Teppichhändler. Das Schiff mit den Löwen aus Afrika! Bei einem Sturm beschädigt, die Löwen mussten getötet und über Bord geworfen werden. Und er konnte die Reparatur nicht bezahlen. Die Karawane nach Damaskus - nie angekommen. Räuber! Alle wollten nur noch mehr Geld. Es war aber keines mehr da.

So saß er allein in der fremden Stadt. Ohne Geld. Ohne Freunde. Ohne Verwandte. Und ganz schnell auch ohne sein schönes Herbergszimmer - für die letzte Rechnung hatte er dem Wirt Pferd und Wagen überlassen müssen. Aber aufgeben wollte Ben nicht. Er ging also in der Stadt umher und suchte Arbeit und eine preiswerte Unterkunft. Es gab aber keine Arbeit, weil wegen der Trockenheit und der Teuerung kaum jemand Geld hatte, um Leute zu bezahlen. Und ohne Geld gab es auch nicht die billigste Ecke zum Schlafen.

Endlich fand er Arbeit. Bei einem Griechen. Niemand sonst wollte diese Stellung. Schweinehirt. Juden ekeln sich vor Schweinen. Juden essen ihr Fleisch nicht und züchten sie nicht, sie versuchen es sogar zu vermeiden, in ihre Nähe zu kommen. Der Grieche freute sich, dass Ben bei ihm Schweinehirt sein wollte - oder eben keine andere Chance hatte. Ben hatte überhaupt keine Erfahrung mit Schweinen. Er wunderte sich, wie laut die waren - manche konnten brüllen wie Löwen. Ben staunte, wie sauber diese Tiere, die Juden als unrein ansahen, eigentlich waren. Sauber natürlich für Tiere und für ihre Art. Sie liebten es, sich im Schlamm zu wälzen - das sah ja wirklich nicht nach sauber aus, aber dadurch bekamen sie keine Flöhe und Zecken und so. Die Schweine waren sogar recht anhänglich. Naja, er brachte ihnen ihr Futter. Aber der Gestank von den Fäkalien. Oh nein. Na gut, Kühe riechen da auch nicht besser.

Der Grieche war leider geizig. Ben durfte im Stall schlafen. Na, das ging ja noch. Zu essen bekam er aber nichts, nein, er durfte nicht einmal von dem Schweinefutter etwas nehmen, obwohl das für Ben schon ziemlich eklig aussah. Und Lohn bekam er so wenig, dass es nicht einmal für das jetzt sehr teure Brot ausreichte. Ben hatte Hunger, Hunger Hunger. Er dachte an seinen Vater. Ob sie auch unter der Trockenheit litten? Galiläa, wo ihre Felder waren, ist ja nicht weit entfernt. Aber Vater hatte gut vorgesorgt - vor ein paar Jahren, Ben war da noch richtig klein und die Mutter lebte noch, hatte Vater für viel Geld einen Aquädukt bauen lassen, nicht so prächtig wie der hier in Cäsaräa, nur aus Holz, aber seitdem kam fast das ganze Jahr Wasser aus den Meron-Bergen und füllte mehrere Zisternen und die Teiche, die Vater angelegt hatte, um darin Fische zu züchten. Mit diesem Wasser wurden dann auch die Gemüsefelder getränkt und die vielen Tiere. Ben lächelte vor sich hin und merkte jetzt, wie sehr er seinen Vater liebte und ihn auch vermisste. Und ... ja, er vermisste auch Galiläa und die Felder und das Haus. Ben weinte vor sich hin - es konnte ja keiner sehen. Alles hatte er sich verscherzt, sein Erbteil verschleudert, den Vater geschädigt und Jäläd wird ihn bestimmt dafür hassen.

Am nächsten Tag arbeitete Ben ganz fleißig und machte den ganzen Hof besonders sauber. Der Grieche bemerkte es nicht einmal. Und am Abend wieder Hunger, Hunger Hunger! Den Tag darauf ging er zum Griechen, um den um Essen zu bitten - doch der scheuchte ihn wieder zu den Schweinen, ja er beschimpfte ihn sogar als Faulpelz. In der Nacht konnte er vor Hunger nicht schlafen. Und er dachte wieder an seinen Vater. Hungern musste dort niemand. Auch wenn es einmal knapp gewesen ist, hat Vater seinen Arbeitern immer ordentlich zu essen gegeben und die Tagelöhner angemessen bezahlt. Was, wenn er nun zu seinem Vater zurückkehrte und ihn um Arbeit bitten würde? Sein Sohn kann er wohl nun nicht mehr sein, weil er doch das ganze Geld, sein ganzes Talent, das er vom Vater bekommen hatte, verschleudert hatte.

Ben schlief nicht wieder ein. Er packte seine Sachen. Viel war es ja nicht mehr, und zerlumpt sah er inzwischen auch aus. Ben lief los. Noch in der Nacht. Auf dem Weg bat er Bauern um einige Früchte. Gut, dass die Menschen seines Volkes so gastfreundlich sind! Dann sah er die Meron-Berge vor sich auftauchen. Jetzt war es nicht mehr weit. Ben blieb stehen. Ob das wirklich eine gute Idee war? Wie würde sein Vater reagieren?

Bens Schritte wurden immer schleppender. Was sollte nur werden, wenn sein Vater ihn nicht mehr zurück haben wollte? Das Dorf Sefat lag hinter ihm. Rechts und links begannen schon Vaters Felder. Alles abgeerntet. Vielleicht sogar noch vor der Trockenheit. Da hinten konnte Ben schon den Hof sehen. Er legte die Hand über die Augen zum Schutz gegen die Sonne. Alles beim Alten. Keine Mühle. Keine Ölpresse. Ben blieb stehen.

Der Vater saß auf der Bank vor dem Haus. Jeden Tag saß er da seit Ben fortgegangen war. Immer, wenn er nichts Anderes zu tun hatte. Jäläd schimpfte schon deswegen. Der Vater hielt Ausschau nach Ben. Immer beobachtete er den Weg, der nach Sefat und Tiberias ging. Und heute ... Eine schmale Gestalt kam schleppend den Weg bergauf. Die Gestalt blieb stehen. ,Ob das Ben ist?', fragte sich der Vater. Sein Herz ging schneller. Der Vater sprang von der Bank auf und lief den Weg herab auf die Gestalt zu. „JA!“, rief der Vater freudig und lief schneller. „Ja, ja, ja, es ist Ben!“ Jetzt rannte der Vater. Ben war stehen geblieben. „Ben“, japste der alte Mann, „Benni, mein Bennilein!“ Dann kam er vor dem abgemagerten, schmuddeligen, zerlumpten jungen Mann zum Stehen. Ben ließ Arme und Kopf hängen, er wagte nicht, seinem Vater ins Gesicht zu schauen.

Der Vater aber umarmte Ben, streichelte ihm das Gesicht und den Rücken, küsste ihn auf die Stirn, die Nase, den Mund. Ben begann zu weinen. Der Vater begann zu weinen. „Vater“, druckste Ben, „Vater ... ich ... ich ... alles Geld ... futsch ... dein Sohn kann ich nicht mehr sein ... aber lass mich bitte dein Knecht ...“ Mit einem ganz liebevollem Kuss beendete der Vater Bens Gestottere. Dann nahm der Vater Bens linke Hand in seine rechte und zog ihn bergauf zum Haus hin. Ben ließ sich an die Hand nehmen wie ein ganz kleiner Junge. Er spürte: ,Alles ist gut. Meinem Vater kann ich vertrauen, er lässt mich nicht im Stich. Vater liebt mich.' Hand in Hand gingen sie ins Haus. Sofort wurde der Vater geschäftig. Dem Hausknecht sagte er, dass er ein warmes Bad für den Heimkehrer bereiten solle, der Magd trug er auf, die beste Kleidung herauszusuchen, dem Stallknecht sagte er, dass ein Hammel für ein Braten vorbereitet werden sollte und mit der Küchenmagd besprach er ein großes Festessen und den kleinen Futterjungen schickte er zu Jäläd auf die Gemüsefelder mit der Botschaft: „Ben ist wieder nach Hause gekommen!“

Am Abend dann das große Fest. Alle saßen sie im Hof an den festlichen Tafeln. - Fast alle. Jäläd war nicht gekommen. Er hatte dem Vater ausrichten lassen: „Ich komme nicht. Der da, dein Sohn, hat alles Geld verschleudert. Er hat der Wirtschaft hier großen Schaden zugefügt. Und nun, wo er völlig abgebrannt hier wieder anstolpert, wird ihm ein großes Fest gegeben. Mir wurde nicht erlaubt, mit meinen Freunden zu feiern. Das ist ungerecht! Ich komme nicht!“ Nun saßen alle bis auf Jäläd beim Fest. Alle freuten sich für den Vater, dass Ben wieder zurück gekehrt war. Nur der Vater freute sich nicht. Nach einer Weile stand er auf und lief auf die Felder.

Dort bei einem Feuer traf er auf Jäläd. Jäläd hatte den Vater längst kommen hören. Aber er stand nicht auf. Wütend starrte er in die Flammen. Der Vater setzte sich still neben Jäläd und legte etwas Holz nach. Nach einer ganzen Weile des Schweigens sagte der Vater leise: „Weißt du, Jäläd, bis heute früh dachte ich, dass ich einen Sohn verloren hätte. Ben. Dein Bruder. Und dann kam er zurück. Zu mir und zu dir und in sein Heim. Wie freute ich mich, meine beiden Söhne wieder bei mir zu haben. Und jetzt merke ich, dass ich schon wieder einen Sohn verloren habe. Dich, Jäläd. Du bist nicht weggegangen. Nein, du bist bei mir geblieben und hast hart gearbeitet, schwer geschuftet, um unseren Verlust wieder gut zu machen. Aber deine Seele ist hart geworden, du hast dich innerlich von uns entfernt. Du bist jetzt vielleicht weiter weg als Ben jemals gewesen ist. Komm zurück! Lieber Jäläd, komm zurück zu mir und zu deinem Bruder.“

Es dauerte noch lange, bis der Vater Jäläd überreden konnte, mit zurück in das Haus zu kommen. Vater und Sohn kamen erst zurück, als das Fest schon lange vorbei war und alle in den Betten lagen. Der Vater nahm Jäläds Hand und führte ihn zum Bett des schlafenden Ben. Der lag so da, zusammengekringelt wie er es schon als kleiner Junge getan hatte. Ganz mager war er geworden, aber er hatte rote Wangen. Fast ohne es zu wollen, streckte Jäläd seine Hand aus und streichelte Bens Wangen. ;Wie weich die noch sind!', dachte Jäläd und es wurde ganz warm in ihm drin. Der Vater zog Jäläd an der Hand zurück, umarmte ihn und sagte: „Jetzt habe ich meine beiden liebsten Söhne wieder!“

Jesus erzählte diese Geschichte, um uns zu sagen, wie Gott ist. „So wie sich der Vater gefreut hat, dass er seinen Sohn wieder bei sich hatte, so freut sich Gott über einen jeden Menschen, der zu Gott findet oder zurückfindet!“

Jörg Zink schrieb dazu: Die Leute standen still da und hörten Jesus zu. Wen meinte Jesus mit dem Bauern? Wen meinte er mit dem älteren Bruder? Und mit dem jüngeren? Und sie merkten, dass in der Geschichte etwas versteckt war. Vielleicht gerade das das Essen, das Jesus und die Jünger mit einem Zöllner feierten.

Und sie schauten den alten Gelehrten an, der gefragt hatte: „Warum isst euer Meister mit den Gaunern?“ Denn sie merkten: Ihn hatte Jesus mit dem älteren Bruder gemeint. Er war in jedem Gottesdienst in der Synagoge bei Gott, seinem Vater im Himmel. Er war nie vor Gott davongelaufen wie ein Zöllner. Er war immer gehorsam im Hause geblieben. Der Zöllner aber war weggegangen zu den Römern und an die Zollstelle, weil er frei sein wollte und reich werden. Aber nun wollte der Zöllner heimkommen. Er wollte zu Gott zurückkehren und einen neuen Anfang suchen, und Jesus machte ein großes Fest aus lauter Freude, dass der Zöllner zu den Kindern Gottes gehörte und nicht mehr zu den Gaunern.

Jesus schaute zu dem Gelehrten hinüber: „Freu dich doch darüber, dass der hier heimkommt. Bleib nicht draußen stehen! Komm herein und feiere mit uns. Denn dieser ist kein Betrüger mehr, sondern dein Bruder. Ich bitte dich, komm! Die Tür ist offen. Es ist noch Platz da.“ Und Jesus streckte ihm die Hand entgegen. Die Leute sahen, wie es in dem Alten arbeitete. Wie er alles verstanden hatte und doch nicht ja sagen konnte. Am Ende sah er zu Jesus auf und sagte mit harter Stimme: „Nein.“ Drehte sich um und ging. Mit ihm gingen viele andere, böse über das, was Jesus tat. Andere blieben an der Mauer stehen und sagten: „Es ist wahr. Jesus hat recht.“

Ich weiß nicht, wann und wie Sie zu unserem Vater, zu Gott gekommen sind. Manch einer weiß Minute und Sekunde. Ich nicht. Bei mir ist das gewachsen. Langsam, wie auf einem steinigen Feld. Etwas dürre erst, doch gewachsen. Vielleicht bin ich vom Vater weggegangen, vielleicht habe ich den Vater erst nach langem Suchen gefunden. Aber ich bin mir so sicher, dass da mein Vater auf der Bank vor dem Vaterhaus sitzt und freudig nach mir ausschaut. So sicher. Und ich glaube ganz fest an den Sinn von Jesus' Geschichte: Gott wartet auf mich, Gott wartet auf einen jeden von uns, Gott wartet auf die, die sich entfernt haben - in Sünde, in Trennung von Gott und Gottes Liebe leben. Gott wartet sehnsuchtsvoll auf mich und auf dich. Weil Gott unser Vater ist und weil Gott uns unendlich liebt.

Lobe den Herrn, meine Seele!

Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der umfassender ist, als unser Denken verstehen kann, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Credo

Lasst uns gemeinsam den Glauben bekennen, der uns verbindet.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden.
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die Heilige Christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Gebet

Lasst uns beten:
Außenseiter. Verwirrte. Geniale. Wahnsinnige. Übergeschnappte. Die mit sich selbst reden. Wir bekommen Angst, wenn wir ihnen begegnen. Geh du auf sie zu, Gott. Geh ihnen nach. Suche und finde. Mach den ersten Schritt, dass uns die Verlorenen nicht verloren gehen.

Wir kommen zu dir und rufen: Gott, erhöre uns.

Wortkarge. Ichbezogene. Vergessliche. Selbstvergessene. Prahlhälse. Die immer das Gleiche erzählen. Wir können nichts damit anfangen, wenn sie zu reden beginnen. Fang du etwas mit ihnen an, Gott. Fang Neues an, das Altes vergessen macht. Suche und finde. Mach den ersten Schritt, dass uns die Verlorenen nicht verloren gehen.

Wir kommen zu dir und rufen: Gott, erhöre uns.

Heruntergekommene. Ausgestiegene. Abhängige. Suchtkranke. Stumme. Von Kind an Gedemütigte. Wir wollen uns nicht in ihr Schicksal hineinziehen lassen. Du lässt dich verstricken, Gott, an unserer Stelle, entwirrst das Knäuel des Lebens. Du suchst und du findest, du machst den ersten Schritt, dass die Verlorenen nicht verloren gehen.

Wir kommen zu dir und rufen: Gott, erhöre uns.

Nachdenkliche. Betroffene. Menschen mit guten Vorsätzen. Menschen mit begrenzter Kraft. Mitleidende, die selbst leiden. Lebende in zerbrechlichem Glück. Zeig uns den Weg und die Grenze, Gott. Zeig mir den Menschen, dem ich nachgehen soll, an dem ich meine Aufgabe habe. Hilf uns, zu suchen, zu finden, das Verlorene nicht verloren zu geben.

Wir kommen zu dir und rufen: Gott, erhöre uns.

Vaterunser

Gemeinsam beten wir so, wie Jesus es seine Freunde, also auch uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segnet dich und behütet dich; der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir gnädig; der Herr erhebet sein Angesicht über dich und gibt dir Frieden. Amen.

Musik zum Ausgang

J.S. Bach
Präludium und Fuge in d-Moll, BWV 554

Glockengeläut


Kollekte

28. Juni 2020 – 3. Sonntag nach Trinitatis

Bitte beachten Sie gesonderte Information dazu auf unserer Webseite.

Autor: 

Prädikant Holger Brose

Datum: 
Sonntag, 28. Juni 2020