Berührend – Gedanken zur (Weihnachts-)Zeit

Im September dieses Jahres besuchte ich eine Ausstellung im Paula Modersohn-Becker-Museum in Bremen mit dem Titel: „Berührend“ (Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis), die unter dem Eindruck der Coronaregeln entstanden ist. Erst dann, wenn uns etwas verboten wird oder wir gebeten werden, etwas nicht zu tun um der Anderen willen, wird uns bewusst, wie wichtig uns Nähe, Umarmung, Hände reichen, zärtliche Berührungen etc. sind.
In der Ausstellung waren viele Bilder von Paula Modersohn-Becker, die von Berührung erzählen, aber auch Bilder von zärtlichen Umarmungen, Küssen, von Kindern, die Tiere berühren oder auch Tanzskulpturen. Auch Bilder religiösen Inhalts waren ausgestellt, wie die Berührung der Wunde Jesu, die Salbung seines Leichnams, der Judaskuss oder die Kindersegnung.
Seit dieser Ausstellung lässt mich das Wort “berührend“ in seiner Doppeldeutigkeit immer wieder darüber nachdenken.
Zunächst die eine Seite: Eines unserer Sinnesorgane ist die Hand, mit der wir fühlen, tasten, anfassen, berühren. Bei Menschen mit Sehbehinderungen oder Blindheit ist der Tastsinn oft besonders ausgeprägt. Durch Berühren werden Dinge erkannt.
Haptik ist die Lehre vom Tastsinn. Mir ist aufgefallen, dass das Wort „haptisch“ in der letzten Zeit sehr oft gebraucht wird. Die Wörter „Haptik“ und „haptisch“ kommen aus dem Griechischen, übersetzt: berühren, anfassen, ergreifen.
Seit ich über „berühren“ oder „berührend“ nachdenke, ist mir aufgefallen, wie oft wir uns selbst berühren – bei der Körperpflege; beim Händefalten; wenn wir unseren Kopf in die Hand stützen; uns an den Kopf fassen, wenn wir nachdenken um nur einige Beispiele zu nennen.
Wir berühren unzählige Gegenstände in unserem Alltag, ohne jemals über Berührung nachzudenken. Ein wertvoller oder uns persönlich wertvoller Gegenstand dagegen wird bewusst berührt. Wir nehmen ihn vorsichtig in die Hand, nehmen ihn wahr.
Wichtig in unserem Leben sind aber die Kontakte zu anderen Menschen, dass wir sie in den Arm nehmen oder ihnen die Hand geben oder freundschaftlich auf die Schulter legen können, sie zärtlich berühren.
Manchmal löst Berührung auch Erschrecken aus. Und es gibt Menschen mit Berührungsängsten. Ihnen fällt es nicht schwer, den Abstand zu anderen Menschen zu halten.
Wenn ich einen Blick in die Bibel werfe, so begegnet mir das Wort „berühren“ (in der deutschen Übersetzung meist mit „anrühren“) recht häufig. In der hebräischen Bibel sind es meistens Tabus, die ausgesprochen werden, also etwas, was nicht berührt oder angerührt werden darf (z.B. Unreines, Aas oder die Frucht mitten im Garten Eden – 1.Mose 3,3).
Im Neuen Testament werden uns viele Heilungsgeschichten von Jesus erzählt (Aussätzige und Blinde rührte er an). Das Berühren gehört zum Heilungsprozess. Die erschreckten Jünger rührt Jesus an und sagt ihnen: „Fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 17,7).
Viele Menschen wollten Jesus berühren. Seine Kraft sollte auf sie übergehen. Im religiösen Bereich ist das Berühren von Ikonen, heiligen Gegenständen, Reliquien für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Glaubens. Wer darüber ein wenig lächelt oder gar darüber spottet, sollte sich die Fans von Fußballern, Schauspielern, Sängern oder Musikern ansehen, wie sie bemüht sind, in ihre Nähe zu kommen, ein Autogramm zu erhaschen. Was bedeutet ihnen die Nähe oder gar die Berührung?
Für mich ist es nichts anderes als was die Menschen tun, die in die Nähe Jesu kommen oder ihn berühren wollten.
Einmal wehrt Jesu Berührung ab. Nach der Auferstehung sagt er zu Maria Magdalena: “Rühre mich nicht an.“ (Johannes 20,17)
Wir alle sind auf Berührung angewiesen. Deshalb fällt es uns in diesen Zeiten besonders schwer Distanz zu halten. Menschen z.B. im Krankenbett oder demenzkranke Menschen brauchen unsere Nähe und auch unsere Berührung, die ihnen sagt: ich bin bei dir; ich bin für dich da.
Ich sagte anfangs, dass mich das Wort „berührend“ in seiner Doppeldeutigkeit angesprochen hat. Nun die andere Seite des Wortes „berührend“: Not, Leid, Tod, Krankheit, Glück, Freude, Musik berühren uns auch, aber in ganz anderer Weise. Sehr bewusst habe ich in letzter Zeit beim Lesen oder Hören auf das Wort „berührt“ geachtet. Ich bin erstaunt, wie oft es mir begegnet. Ein paar Beispiele (ohne Belege): Die Grenzöffnung rührt mich bis heute; der Artikel (über Suizid) hat mich sehr berührt; ich war immer berührt vom Weihnachtsliedersingen bei Union; ich war berührt, was der Besuch im Altenheim ausgelöst hat; die alte Feldsteinmauer in ihrer Beständigkeit löst Berührung aus. In der Berliner Zeitung vom 7.12.20 heißt es in einem Leserbrief: “Lernen, die Stille zu fühlen, mit sich selbst in Berührung zu kommen, sich zu fühlen. Die Berührung zu uns selbst, die Stille können wir nicht ertragen.“ Dies sind nur ein paar Beispiele. Wenn wir darauf achten, wird uns „Berührung“ immer wieder ins Auge springen oder ins Gehör kommen.
Was meint aber: es rührt mich oder es ist berührend? Es geht keinesfalls um Rührseligkeit, auch wenn wir noch so berührt sind, dass uns die Tränen kommen.
Hat der eine Teil des Wortes „berühren“ mit unserem Tastsinn zu tun, so hat der andere Teil des Wortes mit unserer Gefühlswelt zu tun. Es trifft unser Inneres, unsere Seele, bewegt das Gemüt, inspiriert oder wir sagen: es spricht mich an, ohne genau definieren zu können, was damit gemeint ist.
In dem Ausstellungsflyer steht: “Auf bestimmte Weise auf Jemanden wirken. Ein bestimmtes Gefühl in Jemanden wecken.“
Berührung ist die Begegnung mit dem Unverfügbaren. Es löst eine Resonanz in uns aus.
Ich denke, Weihnachten ist das Fest, das die meisten Menschen berührt.
Aber was genau berührt uns dabei? Das neugeborene Kind? Die Not der Eltern (zunächst keine Herberge, dann Flucht)? Die Botschaft der Engel: “Friede auf Erden“?
Gott kommt uns als Mensch in dem Kind in der Krippe nahe – er liefert sich uns aus. Neulich las ich den Satz: “Gott hat sich uns eingefleischt“ - für mich eine gute Übertragung des Wortes aus Johannes 1,14: “Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“.
Was immer Jede oder Jeden von uns auch Weihnachten besonders berühren mag, das Wesentliche ist doch, dass Gott, der Unverfügbare, mit uns in Berührung kommen will. Das Kind in der Krippe ist ein Zeichen dafür.
Wer das Fresko in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans von Michelangelo kennt, wird sich an das Bild erinnern, wo Gott mit einem Finger Adam (den Menschen) fast berührt. (Der Lebensfunke springt über). Gott gibt dem Menschen das Leben – dort im Bild dargestellt und neu durch die Geburt Jesu.
Weihnachten – ein Fest, das anrührt, berührt. Lassen wir uns auch von der Botschaft des Festes berühren: Jesus kam als Hoffnung in die Welt – für Menschlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit. Nehmen wir seine Botschaft als Auftrag für uns in unser Leben hinein. (Rotraut Seimert, Dezember 2020)

 

Autor: 

Rotraut Seimert

Datum: 
Montag, 21. Dezember 2020