Gedanken zur Jahreslosung 2021

“Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36)

Der Evangelist Lukas lässt Jesus eine Feldrede halten (Lukas 6, 17 – 49) und der Evangelist Matthäus berichtet uns von einer Bergpredigt. Sowohl bei Matthäus wie auch bei Lukas ist das Wort von der Barmherzigkeit überliefert, allerdings in unterschiedlicher Weise. Matthäus fügt es in die Seligpreisungen ein:“Selig sind die Barmherzigen;denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Matthäus 5,7.

Bei Lukas steht es unter der Überschrift:“Von der Stellung zum Nächsten.“ Ich denke, dass der Evangelist dieses Wort von der Barmherzigkeit ganz bewusst zwischen dem Aufruf zur Feindesliebe(6,35) und dem Aufruf nicht zu richten, zu verdammen, sondern zu vergeben (6,37) gestellt hat. Denn damit wird schon gezeigt, wie Barmherzigkeit im konkreten Tun aussehen kann.

Bei Matthäus und Lukas werden im Griechischen 2 unterschiedliche Worte für „barmherzig“ gebraucht, aber es sind Synonyme. Matthäus sagt „eleos“ für Barmherzigkeit. Dieses Wort gebrauchen wir in jedem Gottesdienst, wenn wir „Kyrie eleison – Herr erbarme dich“ singen oder beten. Wir bitten also darum, dass Gott uns mit seiner Barmherzigkeit umgibt und uns frei macht, barmherzig zu handeln. Denn erst die erfahrene Barmherzigkeit, bzw. die Angewiesenheit auf Gottes Barmherzigkeit macht uns fähig, selbst barmherzig zu sein. Barmherzigkeit ist also die Konsequenz der erfahrenen Barmherzigkeit, wie sie in der Feindesliebe konkret wird.

Lukas gebraucht in 6,36 das griechische Wort:“oiktirmon“ für mitleidig, barmherzig. Im Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ (Lukas 10, 25 37)nimmt er dagegen das Wort: eleos. Für ihn sind beide Worte gleich bedeutend.

Die lateinische Übersetzung gebraucht nur das eine Wort: misericordia (misereor) für Barmherzigkeit. (Wir kennen es aus den lateinischen Messen und dem Werk „Misereor“).

Interessant wird es, wenn wir uns die hebräische Übersetzung des Wortes oiktirmon bei Lukas 6,36 ansehen. Dort steht das Wort, das im Hebräischen für „Mutterleib“ gebraucht wird, im Plural für Erbarmen. Der Mutterleib steht für Schutz und Geborgenheit. Wir sind in Gottes Liebe hinein genommen. Jesaja 49,15 wird eine Metapher genannt: Eine Frau, die ihre Kinder im Mutterleib getragen hat, wird sie nicht vergessen und sich ihrer erbarmen. Die meisten Mütter stehen auch dann noch zu ihren Kindern, wenn diese sie bitter enttäuscht haben, auf die schiefe Bahn gekommen sind oder nichts mehr von ihnen wissen wollen . Es ist doch ihr Kind, sind doch ihre Kinder.

Diese emotionale Bindung wird nun von Gott zu uns Menschen ausgesagt. Wir sind seine Kinder.

Erbarmen ist zunächst ein ganz genaues Hinsehen, ein Erkennen der Notsituation, das Mitfühlen. Aber es geht nicht um Gefühle, sondern um die daraus resultierende Handlung. Erbarmen kann heißen: vom Armsein wegführen, von der Not befreien – wie das aussehen kann, zeigt Jesus in dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das uns nur Lukas überliefert hat.

Aus dem Gleichnis vom Weltgericht (Matthäus 25, 31 – 46) hat man die Werke der Barmherzigkeit abgeleitet: Hungernde speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen. Später hat man noch ein 7.Werk der Barmherzigkeit hinzugefügt: Tote bestatten.

Alle caritativen und diakonischen Einrichtungen. Hospize und Krankenhäuser resultieren aus diesem Ansatz, der in Matthäus 25,40 so zusammen gefasst wird:“ Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Eine Frau, die diese Werke der Barmherzigkeit in die Tat umgesetzt hat, ist Elisabeth von Thüringen, die ich hier beispielhaft nenne.

Die katholische Kirche kennt noch 7 geistige Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren;

Trauernde trösten; Sünder zurecht weisen; Beleidigung gern verzeihen; Lästige geduldig ertragen; für Lebende und Verstorbene beten.

Papst Franziskus hat 2016 den Vorschlag gemacht, die körperlichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit um die Sorge um die Schöpfung zu erweitern

Dieser Gedanke macht deutlich, dass es bei Barmherzigkeit nicht nur um den Menschen geht, sondern die umfassende Sorge für unsere Erde enthalten ist.

In einer Veröffentlichung vom Zentralrat der Katholiken von 1995 heißt es:“ Barmherzigkeit ist der Quellgrund der sozialen Gerechtigkeit“. Eine Gesellschaft kommt nicht ohne Barmherzigkeit aus.

Mir sind noch 2 Worte in Zusammenhang mit „barmherzig“ eingefallen. Das eine ist „warmherzig“- im Gegensatz zum kalten Herzen und das heißt doch, dass ich erst, wenn ich mit dem Anderen fühle, ihm mein Herz öffne, für ihn da sein kann, Barmherzigkeit üben kann – was immer das in einer konkreten Situation sein mag.

Das andere Wort ist das kaum noch gebrauchte Wort:“barmen“. Um jemanden barmen meint doch: um jemanden Sorge haben, von Mitgefühl erfüllt sein, das einem jemand leid tut, aber auch klagen und jammern.

Im Neuen Testament in der Lutherübersetzung heißt es oft von Jesus: Es jammerte ihn.. (das Volk, die Mutter u.a.) Auch hier geht es um Erbarmen, sich der Not der Menschen annehmen.

So werden wir durch die diesjährige Jahreslosung dazu aufgerufen, dem anderen Menschen, aber auch der gesamten Schöpfung achtsam zu begegnen und dort Barmherzigkeit zu üben, wo wir Not spüren und sehen. Wir können es aus dem Vertrauen heraus, dass Gottes Barmherzigkeit immer um uns ist und er uns die Kraft zum Handeln schenkt. Wir können diese Kraft auch von ihm erbitten.

Rotraut Seimert, Januar 2021

 
 
 
Autor: 

Rotraut Seimert

Datum: 
Montag, 1. Februar 2021