Das neue Antependium an der 400-jährigen Kanzel der Alten Pfarrkirche

Zu Ostern wird das erste Mal an der Kanzel der Alten Pfarrkirche ein neues Antependium (lat. „ante“ vorn, „pendere“ hängen) zu sehen sein. Hergestellt hat es Frau Gudrun Karpinski, seit 22 Jahren in unserer Gemeinde. Um etwas über sie, ihr Können und die Herstellung dieses Paramentes zu erfahren, meldete ich mich telefonisch an und besuchte sie in ihrem Haus in der Bruchsaler Straße.
U.D. Vielen Dank, dass ich Sie hier aufsuchen darf. Es war eine Anregung von einem Gemeindemitglied, ein Interview mit Ihnen für den Gemeindebrief zu führen.
G.K. Das mache ich gern, aber sehen Sie sich doch zuerst dieses Arbeitsutensil an, rund, etwa 3 cm im Durchmesser, aus festem Material. Wissen Sie, was es ist?
U.D. Handarbeit hatte ich das letzte Mal in der 4. Klasse, ich muss passen.
G.K. Es ist ein Nadelschärfer, sehr wichtig, womit die Nadeln bei der Stickarbeit spitz gehalten werden. Nachdem ich Sie so mit meiner Frage überfallen habe, mache ich uns einen Tee. Dann kommen wir zu Ihren Fragen. (Während sie den Tee bereitete, bewunderte ich eine Reihe individuell gestalteter farbiger Kissenbezüge und bestickter Tücher, darunter das fast fertiggestellte Antependium für unsere Kirche (Foto).
U.D. Liebe Frau Karpinski, wie sind Sie denn zur Stickerei gekommen, war es Teil ihrer beruflichen Tätigkeit?
G.K. Mit meiner Tätigkeit als Lehrerin in einer Lichtenberger Schule hat das nichts zu tun, ich habe mich aber schon seit meiner Jugend für Textilarbeiten interessiert. Seit meiner Berentung habe ich Zeit, mich verschiedenen Hobbies zu widmen, wie der Stickerei, dem Filzen, aber auch dem Origami und der Keramik. Um z.B. das Filzen besser zu beherrschen, reiste ich 2018 nach Kirgistan, besuchte auf dem Pferderücken die Nomaden und lernte viel dazu. Das Sticken, speziell die Arbeit an Paramenten erlernte ich bei Frau Elke Hirschler und vor allem durch meine Patentante Eva Pohle. Sie war Leiterin des ehemaligen Kunstamtes der DDR und nach ihrer Berentung eine Zeitlang Konventualin im Kloster Wienhausen, bekannt für die Textilkunst und die historischen Bildteppiche. Sie begeisterte mich vor allem für den Klosterstich, weshalb ich auch an Stickkursen in dem Kloster teilnahm. Von ihr erfuhr ich viel über die Bedeutung von Textilkunst im Kirchenraum. Paramente sollen das verkündende Wort unterstützen und zu Meditation und Sammlung einladen.
U.D. Was gehört denn alles zu den Paramenten?
G.K. Das ist vor allem die „Bekleidung“ von Altar, Kanzel und Lesepult und es sind die liturgischen Gewänder der Geistlichen. Paramente haben in der evangelischen Kirche eine lange Tradition, ihre Herstellung erfordert oft große Kunstfertigkeit. Auffällig sind die verschiedenen dominierenden Farben, in vielen Gemeinden werden die Paramente gewechselt entsprechend den liturgischen Farben des Kirchenjahres.
U.D. Ich sehe hier auf dem Tisch das noch nicht ganz fertige Antependium. Können sie einmal den Werdegang bei einer solchen Arbeit beschreiben?
G.K. Hier in Kürze: Ganz wichtig ist die Motivfindung. Während ich meine Motive sonst oft auf Wanderungen finde, war hier mit dem Antependium der Zweck vorgegeben. Ich hatte bestimmte Vorstellungen, aus denen ein Konzept entstand. Mit dem Kreuz habe ich das christliche Zeichen gesetzt, es soll mit dem Grün eine dörfliche Komponente geben (Umgebung, Wälder), Braun (die Erde), Keimling und Pflanze (Wachstum in der Natur, christlicher Glaube) und ein Bibelzitat.
U.D. Wie sah dann die Umsetzung aus?
G.K. Das Konzept als Zeichnung habe ich der Gemeinde vorgestellt, gewünschte Änderungen berücksichtigt. Die Eckpunkte der genauen Vorlage wurden auf dem Leinen mit Pixeln fixiert, danach beginnt die Stickerei mit den farbigen Wollfäden und den Goldfäden. Der Klosterstich ist schon eine besondere Technik, sehr zeitaufwändig, in diesem Fall brauchte ich allein für das Sticken etwa 300 Stunden. Zum Schluss wird alles gespannt, gebügelt, gesäumt und zur Aufhängung vorbereitet.
U.D. Das alles sieht nicht sehr nach Ruhestand aus.
G.K. Diese Arbeiten machen mir Spaß. Besucher sind herzlich willkommen. Ich freue mich immer, wenn wir in meiner Werkstatt zusammen unseren Hobbies nachgehen können.
U.D. Vielen Dank für das interessante Gespräch mit Ihnen. (Uwe Donath)